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Sprachanimation, Juli/August 2006 (Lukas)
Waum Frankreich? haben mich manche Leute gefragt. Ja... warum eigentlich? hab ich mich dann auch gefragt. Da gibt es eigentlich keinen besonderen Grund. Ich mag den Süden, ich mag gutes Essen, ich mag die Leute, und bei einer zweiten Überlegung war nach Übersee zu gehen auch nicht das grosse Muss für mich. Die Frage hat sich eigentlich eher spontan oder vielleicht sogar aus ein bisschen Faulheit, nach etwas anderem zu suchen, ergeben, was natürlich auf keinen Fall heisst, dass ich unzufrieden war oder bin. Im Gegenteil, vom ersten bis zum letzten Moment gab es keine Minute, in der ich meine Wahl, nach Frankreich zu fahren, bereut habe. Ich bin in die Familie A. in Palaja gekommen, einem eher grösserem Dorf im direktem Umkreis von Carcassonne, welches man sogar noch mit dem Stadtbus erreichen kann. Ich hatte drei Schwestern, die jedoch alle bereits ausgezogen sind, und einen Bruder, welcher in Montpelier studiert und nur über die Wochenenden nach Hause kommt. Meine Gastmutter arbeitete als Tagesmutter und war somit fast immer zu Hause. Mein Gastvater Claude arbeitete nur sechs Monate im Jahr. In diesen sechs Monaten ist er ununterbrochen in Valle Taurence, einem Skigebiet in den Alpen. In der anderen Hälfte des Jahres kümmert er sich um die Finanzen und andere Angelegenheiten seines kleinen Jagdclubs von ungefär 25-30 Mitgliedern, welche fast täglich in die umliegenden Wälder -und Hügellandschaften ziehen und durch die Gegend ballern, was man dann auch deutlich im Dorf vernehmen kann. Abends kehren sie dann stolz mit ihrer Beute zurück in den Club oder auch ohne Beute. Dann wird der Ricard ausgepackt, gesoffen und gegessen. Meistens Wildschwein. Mein Gastvater nahm mich einmal mit in den Club und auf die Jagd, und ich bin der Meinung, dass dies ein wichtiges Stück französischer Kultur ist. Für mich war es auf jeden Fall ein unvergessliches Erlebnis. In die Schule habe ich mich relativ schnell einfinden können, wobei ich auch in die selbe Klasse wie Lena ging und wir auch Mathilde zur Unterstüzung hatten, welche wir während der Sprachannimation im Sommer kennenlernten. Dass der Unterricht auf unserem Lycée (Jules Fil) und wahrscheinlich auf allen Schulen Frankreichs ein Grauen ist, wurde mir schnell bewusst. Der ewige Frontalunterricht schickte mich immer mal wieder in das Land der Träume und damit auch zu der Überzeugnung, dass hinter dem ganzen Gefasel, welches um unser Schulsystem in Deutschland gemacht wird, vielleicht doch ein kluger Kopf steckt. Nichtsdestotrotz hatte ich sowohl in den Pausen als auch im Unterricht immer viel Spass. Von der Schule haben wir auf der Seite auch genug berichtet, deshalb werde ich lieber etwas von meinen Eindrücken erzählen, welche ich während der sechs Monate gesammelt habe.
Was mir bei den Franzosen, ob Junge oder Mädchen, sehr bald auffiel, war ihre Offenheit gegenüber anderen, auch wenn sie diese nur sehr flüchtig kannten. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass es mit Franzosen nicht leicht ist, eine richtige Freundschaft aufzubauen. Häufig wird aus einem Kontakt nicht mehr als das, was man bei uns "Kollege" nennt. Andererseits sieht man auch unter den Franzosen nur selten so etwas, was wir dicke Freundschaften nennen würden. Das kann aber vielleicht auch daran liegen, dass die Klassen sich während der gesamten Schulzeit sehr häufig neu zusammenlegen.
Auf einer der Katharerburgen (Marie, Katharina, Lukas)
Somit kann auch eine richtige Klassengemeinschaft nur sehr schwer entstehen, deren Wichtigkeit ich nun auch verstanden habe. Was mich allerdings während meiner gesamten Zeit in Frankreich am meisten geschockt hat, war die Tatsache, dass es teilweise Franzosen gab, die mich zu allererst fragten, ob ich, die Deutschen oder die deutschen Politiker Nazis seien. Andere, die ich kennenlernte, meinten mir unbedingt sagen zu müssen, wie hässlich doch die deutsche Sprache sei und wie schlecht man in Deutschland ässe. Diese drei Punkte liessen mich teilweise echt in Gedanken versinken.
Gruppenfoto in der "Cité des Oiseaux"

Ich habe mich oft gefragt, was bei Leuten im Kopf vorgehen muss, dass sie einem gleichaltrigen Schüler aus einem fremden Land nichts anderes zu sagen haben, als was sie an seinem Land, welches sie zu 99% nicht mal kannten, bescheuert finden. Aber wie gesagt war dies nur ein sehr kleiner Anteil von den Leuten, die ich kennengelernt habe. Oft traf ich natürlich auch auf grosses Interesse und, wenn ich einmal bei Freunden übernachtet habe, auf sehr warme Gastfreundschaft.
Was mir der Austausch jedoch neben den grossen Fortschritten im sprachlichen Bereich noch geschenkt hat, war die Erkenntnis, was ich in meiner Heimat alles habe, was meine Eltern alles für mich tun und wie sie sich bemühen, dass es mir gut geht. In meinem kompletten vorherigen Leben habe ich all das nie richtig gesehen, sie waren für mich einfach nur Alltag und normal. Jetzt kommt mir in den Kopf, dass ich meinen Eltern für das, was sie mir bereits gegeben und beigebracht haben, dankbar sein kann. Dass dies der Fall sein würde, hätte ich mir nie erdenken können, und auch hier dauerte es mehr als die Hälfte der gesamten Zeit bis ich dies verstanden habe. Ich bin sicher, dass diese Entwicklung, die sich in mir abgespielt hat, ohne den Austausch in Frankreich viel mehr Zeit gebraucht hätte oder sie vielleicht sogar nie bewusst passiert wäre. Dies werde ich natürlich nie erfahren. Ich weiss, dass ich als ein ein klein bisschen veränderter Mensch wieder nach Hause kommen werde und dass die sechs Monate Frankreichaustausch für mich und - ich bin sicher - auch für jeden anderen ein voller Erfolg waren. In welchem Sinne auch immer.

Falls Ihr noch Fragen habt, meldet Euch bei mir: lokn@gmx.de

Viele Grüsse, Lukas

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