Mein Frankreichaufenthalt 2006/2007.
Als ich mich entschieden habe, ein halbes Jahr nach Frankreich zu gehen, war es, weil ich für 6 Monate mal ein ganz anderes  Leben kennen lernen wollte. Ein neues Land, seine Kultur und die Leute und natürlich auch, um eine neue Sprache zu sprechen. Ich freute mich, ins sonnige Südfrankreich zu fahren, wo ich mal ganz unabhängig und auf mich allein gestellt sein würde.

Auf dem Flug hatte ich schon ein wenig ein unwohles Gefühl, das aber schnell wieder verflog, als ich die anderen Teilnehmer kennenlernte und mit ihnen eine lustige erste Woche im MJC beim Sprachkurs hier verbrachte, der auf keinen Fall mit Schule vergleichbar ist. Nach dieser ersten super Woche war mein Praktikum erstmal ein kleiner Schock für mich, weil dort nicht alles so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Der erste Monat verging ziemlich schnell, und all die Eindrücke, die man gesammelt hatte, haben einem für die weiteren 5 Monate geholfen. Jetzt ging es in die Gastfamilien; ich kam mit etwas Verzögerung in meine Familie. Als ich ankam, war ich erstmal ganz beeindruckt von der schönen Landschaft und meinem Dorf. Ich stellte mir die Leute hier sehr gelassen, ruhig und gemütlich vor. Doch ich erfuhr schon schnell die Nachteile von so einem Landleben. Auf die Frage, ob es einen Supermarkt gibt, lachte mein Gastbruder nur und außer mit dem Schulbus hatte man auch keine andere Gelegenheit, aus dem Dorf 'raus zu kommen. Ich merkte schon bald, wie sehr diese Abgeschiedenheit eines Dorfes einen in seiner eigenen Freiheit einschränken kann und wie stark abhängig die Jugendlichen doch von ihren Eltern sind, wenn sie kein eigenes Auto besitzen. Zu diesem Dorf passend altmodisch, aber trotzdem gemütlich, war dann auch unser Haus eingerichtet.

Ich wohnte dort nur mit meinem Gastbruder und meiner Gastmutter. Meine Gastfamilie war gleich von Beginn an freundlich und aufgeschlossen zu mir. Ich hatte das Gefühl, dass sie Anfangs Rücksicht darauf nahmen, dass ich so gut wie gar nichts verstand und dass sie sich bemühten, mit mir langsam zu sprechen. Ein bisschen verwunderlich fand ich, wie wichtig der Fernseher für meine Gastfamilie war, er war fast dauernd an. Trotzdem war aber meine Gastfamilie immer für Fragen offen, und wenn ich etwas brauchte, haben sie immer versucht, mir zu helfen. Doch leider habe ich mich nie so integriert gefühlt wie ein richtiges Familienmitglied.

Als die Schule anfing, war ich ziemlich froh, etwas mehr unter Jungendliche zu kommen. Ich war anfangs aufgeregt, was sich aber wieder etwas legte, als ich erfuhr, dass ich mit Jasmin in einer Klasse war. Trotzdem war der erste Schultag eine Enttäuschung für mich. Ich hatte erwartet, dass alle französischen Schüler sofort auf einen zukommen würden und total interessiert an den „Neuen“ sind, aber es war das Gegenteil. Keiner beachtete uns wirklich, und wir hatten noch nicht einmal die Chance, uns vorzustellen. Mit den Lehren war es ähnlich, meistens wurden wir freundlich ignoriert. Besonders wenn man zu zweit ist, macht man dann schnell den Fehler, sich selber auszugrenzen. Was uns leider anfangs passiert ist, doch wenn man erst einmal einen Schritt auf die Franzosen zu macht, lernt man wircklich viele nette und interessante Menschen kennen.

Ein weitere große Umstellung war auch, dass ich bis 18 Uhr Unterricht hatte und anschliessend trotzdem noch Hausaufgaben. Auch wenn am Anfang diese langen Schultage abschreckend wirkten, hat man zwischendurch, besonders als Ausländerin, ziemlich viele Freistunden.

Also blieb für die Freizeit nur der Mittwoch Nachmittag und das Wochenende. Ich war über das Wochenende fast immer mit Freunden unterwegs. Selbst wenn man auf dem Land nicht so viele Möglichkeiten hat, um abends auszugehen, wie in einer grösseren Stadt, kann man hier trotzdem viele lustige Abende verbringen. Meine Gastmutter hat mich meine Freizeit eigentlich so gestalten lassen, wie ich es wollte. Wenn wir mal etwas mit der Familie unternommen haben, ließ sie die Entscheidung meistens bei mir, ob ich mitkommen möchte, oder nicht. Es gab selten eine Veranstaltung, wo sie unbedingt wollte, dass ich dabei bin, und sonst hat sie mir meine Freiheit gelassen.

Meine Weihnachtsferien wollte ich gern in Frankreich verbringen, um mal ein anderes Weihnachtsfest kennen zu lernen, und es hat sich auch gelohnt, hier zu bleiben. Meine Gastfamilie hat ganz anders Weihnachten gefeiert, als ich es gewöhnt bin. Wir haben uns ein Haus mit der ganzen Familie von meiner Gastmutter gemietet und waren letztendlich so um die 12 Personen um Weihnachten rum. Nicht nur am 24. sondern auch die anderen Tage haben wir furchtbar viel gegessen.

Auch wenn ich am Anfang nicht gerade eine einfache Zeit in Frankreich hatte, haben sich die 6 Monate für mich total gelohnt. Am Ende sind sie sogar viel schneller 'rumgegangen als ich dachte. Ich habe hier so viele Erfahrungen und Erlebnisse gesammelt, an die ich mich gern zurück erinnere und habe auch mehr über mich selbst gelernt. Ich würde jedem raten, der die Chance kriegt nach Frankreich zu gehen - nutzt sie. Habt den Mut, denn ihr werdet 6 unvergessliche Monate haben.

Corinna: co_diercks@web.de