Solveig

Ich heisse Solveig Bostelmann, ich wohne normalerweise in Hamburg, wo ich aber seit über sechs Monaten nicht mehr war: Die verbrachte ich nämlich in Carcassonne. Anfangs mit einer neunköpfigen Gruppe im MJC. Den August verbrachten wir dort zusammen, und an diesen Monat habe ich eigentlich nur gute Erinnerungen. Zehn Tage machten wir einen Sprachkurs und zahlreiche Ausflüge, zum Beispiel ans Meer, in eine Grotte, ... .

Die folgenden drei Wochen machten wir ein Praktikum, ich arbeitete in einer Boulangerie / Patisserie. Dort gefiel es mir sehr gut, ich hatte recht komfortable Arbeistzeiten und das Arbeitsklima war sehr angenehm. Die Stimmung in der Gruppe, die übrigens aus acht hamburger Mädels und einem bayerischen Kölner (oder vielleicht auch ein kölnischer Bayer) besteht, war meistens gut und wir hatten jede Menge Spass. Der August ging meiner Meinung nach viel zu schnell vorbei, und dann kam der Umzug in die Gastfamilie. Ich hatte das Glück als fast einzige nicht auf dem Land zu wohnen, sondern wie gesagt in Carcassonne und dazu noch fünf Minuten Fussweg entfernt von meinem Lycée. So werde ich euch jetzt nicht sätzelang über meine langweiligen Busfahrten durch achtzig verschiedene Kuhdörfer erzählen können.

Meine Gastfamilie ist zusammengesetzt aus einer Mutter und ihren beiden elf- und vierzehnjährigen Söhnen. Ich wurde sehr nett aufgenommen und meine Gastmutter kümmerte sich sehr lieb um mich. Mit meinem kleineren Gastbruder verstand ich mich sehr gut, aber durch den Altersunterschied hatten wir uns nicht immer sehr viel zu sagen. Mit dem grösseren der beiden Jungs hatte ich quasi überhaupt keine Beziehung. Er war viel zu sehr damit beschäftigt sich mit seiner Mutter zu streiten und seine Pubertät so richtig auszuleben, dass wir in den fünf Monaten die ich bei ihnen gelebt habe kein richtiges Gespräch miteinander hatten. Mit der Mutter verstand ich mich wie gesagt gut, aber auch da war es manchmal etwas problematisch weil mir öfter etwas Herzlichkeit fehlte und sie ausserdem ein sehr trauriger Mensch ist, und ich mich häufig sehr hilflos fühlte und nicht wusste wie ich mit ihr umgehen soll.

Die gesamte Familie (auch sämtliche Geschwister meiner Gastmutter) ist wahnsinnig sportbegeistert und alle machen Triathlon. Anfangs fand ich es ganz spassig, wir waren am Wochenende oft auf irgendwelchen Sportveranstaltungen, aber zum Schluss war ich doch manchmal ein bisschen genervt, weil ich es übertrieben fand. Ich treibe zwar auch gerne Sport aber es ist einfach nicht mein Lebensinhalt.

Und kaum hatte man sich in der Gastfamilie ein kleines bisschen eingewöhnt, kam der Tag vor dem ich am meisten Angst hatte: der erste Schultag. Ich wurde glücklicherweise von Roudel begleitet, aber es war trotzdem ein Riesenchaos. Die Schule hatte meine Anmeldung verloren, so stand ich auf keiner der Listen drauf. Das führte dann dazu dass ich in den nächsten zwei Wochen jedem Lehrer erklären musste, wer ich bin und was ich hier eigentlich mache. Von den Schülern wurde ich aber total nett aufgenommen und knüpfte schnell Bekanntschaften, von denen auch einige zu richtigen Freundschaften geworden sind, aber das erst so in den letzten eineinhalb Monaten. Der französische Unterricht ist anfangs schon ganz schön heavy und gewöhnungsbedürftig. Der Lehrer steht die meiste Zeit vorne und diktiert und die Schüler schreiben mit. Ausserdem gibt es quasi überhaupt keine Bindung zwischen Lehrer und Schüler. Am Anfang versuchte ich in allen Fächern mitzuarbeiten, merkte aber schnell, dass das nicht möglich war. Es ist wahnsinnig schwierig 55 Minuten aufmerksam zu bleiben wenn man nur Bahnhof vom den versteht was der Lehrer redet. So verbrachte ich meine Französischstunden zum Beispiel meist damit tausende von Briefen zu schreiben.... .

An die Schule habe ich fast nur gute Erinnerungen, besonders in den letzten Wochen nutzte ich die Zeit nochmal so richtig mit meinen Freunden. Ein wichtiger Punkt ist sicher auch das Heimweh. Als ich nach Frankreich kam dachte ich nicht dass ich in den gesamten sechs Monaten Heimweh bekommen würde, ich sagte mir: ich sehe sie ja wieder, nützt ja nichts wenn sie mir fehlen. Aber so ganz klappte das dann irgendwie nicht, es ging mir zwischenzeitlich so schlecht, dass ich Angst hatte nie wieder glücklich werden zu können. Ich glaube, dass es mir so schlecht ging lag auch daran, dass meine Gastmutter ein so trauriger Mensch ist. Es ist schwierig in einem Haus wo immer Streit ist und wo keines der Familienmitglieder richtig glücklich ist, auch glücklich zu sein.

Mein Französisch hat sich schon ganz schön verbessert (mündlich, aber auch schriflich), aber nicht so stark wie ich vorher dachte. Ich hatte nämlich vor der Abfahrt geglaubt / gehofft, dass ich nach sechs Monaten in Frankreich französisch mindestens genauso gut sprechen würde wie deutsch. Das hat sich leider nicht erfüllt, aber ich bin trotzdem zufrieden meinen Fortschritten und hoffe in Hamburg nicht alles so schnell wieder zu verlieren. Alles in allem, ist dieses halbe Jahr ein tolle, horizonterweiternde Erfahrung gewesen, die ich auf keinen missen möchte und immer wieder wiederholen würde. Ich bin viel selbstständiger, erwachsener und selbstbewusster geworden und kann allen nur raten ins Ausland zu gehen: Ihr werdet es nicht bereuen.

Von Roudel fühlte ich mich durchgehend gut betreut, und ich finde dieses Programm wirklich gut, weil man nicht so ganz alleine in einem fremden Land ist. Falls jemand irgendwelche Fragen hat, schreibt mir gerne eine Email: -sollo-@web.de. Ich freu mich.

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