Nora

Also, um mich erst mal vorzustellen: ich bin 16 Jahre alt und höre im allgemeinen auf den Namen Nora. Die Entscheidung nach Frankreich zu gehen ist eigentlich nicht aus dem festen Vorsatz "ich will unbedingt da hin" entstanden, sondern viel mehr durch den Zufall, dass mein Französischlehrer mir die Broschüre von Roudel genau in dem Moment austeilte, als ich in der überlegung stand, ob ich nun noch mal ins Ausland wollte oder nicht.

Also bin ich mal ins Internet gegangen und hab mir angesehen was den die ehemaligen Teilnehmer so geschrieben haben...tja, es hat mir und meinen Eltern zugesagt... und jetzt bin ich selbst in der Position einen solchen Text schreiben zu sollen. ich habe den Beschluss teilzunehmen nicht bereut(zumindest bislang nicht, aber ich hab ja auch noch die Rückkehr in die Schule vor mir, wo ich sehen werde was ich alles verpasst habe)

Drehen wir die Uhr noch mal ein halbes Jahr zurück: Wir schreiben das Jahr 2004 n.Chr.(genauer gesagt den 29.Juli) Das ganze Haus der Familie Giese ist von Hektik besetzt. Das ganze Haus? Nein, ein kleines Zimmer trotzt noch immer erfolgreich der Eile. Und das Leben ist nicht leicht für die Familienangehörigen in den umliegenden Zimmern...

Dieses Zimmer ist bewohnt von dem jüngsten Mitglied der Familie. Dieses Individuum, welches wie tot auf seinem Bett im mit geöffneten Reisetaschen, Klamotten und sonstigem Krimskrams besetzten Zimmer liegt, scheint überhaupt nicht in diese Umgebung zu gehören. Doch plötzlich kommt Bewegung in die unbewegliche Gestalt. Nach einem kurzen Abstecher ins Nebenzimmer(noch mal schnell eine andere CD einlegen) geht es weiter ins Badezimmer, zurück ins kleine Zimmer das jetzt natürlich gar nicht mehr so ruhig ist und wieder in den Flur "Mama, wo ist mein schwarzer Pullover?" "Welcher Pullover denn?" "Na, der, den du noch schnell waschen wolltest"...

Wie ihr es euch vielleicht schon gedacht habt: dieses rätselhafte Individuum war ich...

Und auch wenn es etwas knapp war, letzten Endes habe ich es dann doch geschafft alles zu packen und rechtzeitig am Flughafen zu sein. Der Flug verlief normal und ausser meiner Kulturtasche hab ich auch nichts vergessen.

Dann hab ich erst mal einen guten Monat mit den anderen im MJC in Carcassonne verbracht (erst eine Vorbereitungswoche, dann ein Praktikum in einer "imprimerie"), bevor wir in unsere Gastfamilien kamen. Meine Gastfamilie wohnte (oder wohnt immer noch) in Castelnaudary, der "capitale mondiale du cassoulet". Und wir- also ich und die anderen beiden Mädchen die da in der Umgebung waren, kamen auch grade rechtzeitig, da in Castel grade die "fête du cassoulet" lief, wo ich mit Marlitt also 2 stunden hinter einem Festwagen hergelaufen bin und mit Konfetti um mich geschmissen habe...

Bald darauf fing für uns dann aber auch der Ernst des Lebens an... Schule!!! Die Schule ist ja nun mal so eine Sache... schon in Deutschland lässt nach einigen Stunden Schule die Konzentration nach, man kann sich also vorstellen, wie das erst ist, wenn man neu nach Frankreich kommt und die Stunden nicht mehr 45, sondern 55min dauern und man plötzlich feststellen muss , dass einem das Französischvokabular, welches man in Deutschland gelernt hat, wenig nützt, wenn der Lehrer in Rekordtempo anfängt einen Text über Nuklearreaktionen, die Entwicklung der französischen Poesie o.ä. zu diktieren...

Da ist es natürlich gut, dass meine französischen Sitznachbarn stets bereit waren, einen abschreiben zu lassen und einem ihre Notizen gegebenenfalls auch noch nach dem Unterricht zu lassen. Und dann war da ja auch noch ein anderes Problem, welches einem das Leben und Lernen verschwierigte. Unsere Schule "das Lycee Jean Durand" hatte nämlich kleine Probleme damit, uns die Schulbücher zur verfügung zu stellen und da die Bücher in Frankreich sehr teuer sind und wir sie nach dem halben Jahr dann nicht mehr gebraucht hätten, hatten wir natürlich auch kein Lust sie uns zu kaufen. Also sass ich jedesmal wenn es hiess wir sollen diese oder jene Aufgaben im Buch machen mit dem Problem da, dass ich nun einmal kein Buch hatte... Aber dieses Problem wird es ja in den nächsten Jahren nicht mehr geben, da ab nâchstem Jahr Lehrmittelfreiheit ist, die Bücher also für alle Schüler gestellt werden.

Ansonsten ein kleiner Tipp: geht nicht in eine 1°S so wie ich, ich musste nämlich feststellen, dass ich, die vorher immer eine 1 in Mathe hatte, plötzlich in Mathe nichts mehr verstanden habe... Es ist nämlich so, dass in der S-Klasse das Niveau in den wissenschaftlichen Fächern wesentlich höher ist als in der L, dafür der Stoff in den anderen Fächern etwa der gleiche ist, zumal einem das Fachvokabular für Bio, Chemie und Mathe erst einmal fehlt! Zumindest bin ich in den nicht wissenschaftlichen Fächern (histoire/géographie, englisch, französisch) im allgemeinen besser zurechtgekommen- eben wegen des hohen Niveaus in den anderen Fächern.

Ansonsten hatte ich noch relativ Glück, da ich nur eine knappe halbe Stunde Bus fahren musste, also nicht viel früher als in Deutschland aufstehen musste. Wenn ich den Bus dann doch mal verpasste, war allerdings ziemliche Hektik angesagt! Es ist mir nur zweimal passiert und das eine mal hatte ich zur zweiten, das zweite mal hat mich eine freundin die nicht weit weg wohnte eingesammelt, als sie vorbeifuhren...uff, vor einem Eintrag fürs Zuspätkommen gerettet!

Meine Gastfamilie war ganz nett auch wenn ich zuerst ja etwas Angst hatte, nur wenig Freiheiten zu haben, da ich bei einem älteren Ehepaar war, deren Töchter schon längst aus dem Haus waren. Die eine Tochter unterrichtet Tanz in Montpellier und die andere studierte in Toulouse, wo ich sie mit Jojo auch in den Herbstferien besucht habe... 2 Tage nach diesem Besuch hat sie dann eine Nachricht aus Paris bekommen, dass sie dort an einer anderen Universtität angenommen wurde. Semesterbeginn: grade mal 8 Tage später! Also hat sie in aller Eile ihre Wohnung aufgeben müssen, und da sie in Paris erst mal kein eigene Wohnung hatte, sondern bei ihrem Onkel wohnt, hat sie ihre Möbel erst einmal in unserem kleinen Häuschen untergestellt, wo man daraufhin das Gästezimmer kaum noch betreten konnte.

Jedenfalls war ich sehr zufrieden mit meiner Gastfamilie und es ist auch nur dem Lebensgefährten meiner einen Gastschwester passiert, das er mich von zeit zu zeit "lisa" genannt habe- es war ja nun auch schon drei Jahre her, dass sie mit roudel in meiner gastfamilie war! Gut, da mir Zeit und Inspiration ausgehen, lass ich euch jetzt allein und wenn ihr grad in der Überlegung steht, ob ihr vielleicht auch nach Frankreich wollt: macht es ruhig, die Franzosen beissen nicht!

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