Léa

 Salut! Ich bin Lea, und ich werde euch nun ein wenig von meinem Frankreichaustausch berichten.

Es fing alles eigentlich bereits vor drei Jahren an, als mein Bruder mit Roudel 6 Monate in Frankreich war. Ich habe an ihm gesehen, dass so ein Austausch viele sehr positive Dinge mit sich tragen kann. Dies war schon ein Grund, warum ich diesen Austausch machen wollte. Ich bin hier hergekommen, da ich gerne ein anderes Land und eine andere Kultur kennenlernen wollte und die französische Sprache sehr gerne mag.

Anfangs hatten wir einen Intensivsprachkurs im MJC (eine Jugendherberge) in Carcassonne, gefolgt von einem 3 wöchigen Praktikum. Dieses habe ich in einem Feriencamp für Kinder und Jugendliche gemacht, wo ich sehr viele nette Leute kennengelernt habe. Ich fand es andererseits aber auch sehr anstrengend den ganzen Tag mit den vielen Kindern zu arbeiten. Es gibt in Frankreich sehr strikte und klare Regeln für die Betreuer im Umgang mit den Kindern, die einzuhalten sind. Während des Praktikums haben wir mit Roudel viele nette Ausflüge und Aktivitäten gemacht, wodurch wir schon einen Vorgeschmack von der tollen Region und der Sprache bekamen. Wir waren eine nette Gruppe von 8 Hamburger Mädchen und einem Köln-Regensburger Jungen. Die Gruppe hat sich sehr gut verstanden, und dies ist auch der Grund gewesen, warum wir im ersten Monat noch sehr viel deutsch gesprochen haben. Ich bin mir sicher, dass sich hier auch schon lang anhaltende und feste Freundschaften gebildet haben.

Später kamen wir dann in unsere Gastfamilien, und der Ernst des Lebens konnte beginnen. Über die französische Schule war ich ehrlich gesagt am meisten geschockt. Bevor ich nach Frankreich kam, habe ich eigentlich gedacht, dass ich hier ein halbes Jahr ohne Schulstress lebe. Aber im Endeffekt war es genau das Gegenteil, denn ich glaube ich habe noch nie so viel für die Schule getan wie hier. Das hat mich echt gewundert, da ich normalerweise eher zur Faulheit neige und sehr minimalistisch arbeite. Ich wurde sehr schnell mit den "ungeschriebenen heiligen Regeln" der französischen Schule konfrontiert:

§1: Der Lehrer hat immer und in jedem Falle Recht

§2: Die Schüler haben mitzuschreiben und die Meinung des Lehrers zu akzeptieren.

Hinzukommt, dass die Schule einen sehr viel wichtigeren Platz im Leben der Jugendlichen einnimmt als in Deutschland. Nicht nur dass eine Schulstunde 55 Minuten dauert, nein, auch der Schultag geht normalerweise bin 18 Uhr. Dann kam ich meistens gegen 19 Uhr völlig k.o. zu Hause an (der Schulbus klapperte immer viele Dörfer ab, bevor er in meinen Ort namens Sigean fuhr). Abends mussten dann noch die Hausaufgaben gemacht werden. Dies hatte zufolge, dass ich meistens extrem müde war, und ungewöhnlich früh ins Bett gegangen bin. Ich hätte in Hamburg nie geglaubt, dass ich irgendwann mal täglich 5 Stunden früher als gewohnt ins Bett gehe. Naja, aber je mehr ich gelernt habe, desto bessere Noten habe ich bekommen, und langsam hat mir die Schule sogar echt Spass gemacht. Ich bin sehr froh dass ich es nicht zu früh aufgegeben habe, und besonders am Anfang immer versuchte mitzumachen. Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist hier auch völlig anders. Die Lehrer sind sehr viel strenger und autoritärer. Der Unterricht besteht daraus, dass der Lehrer eine Art Vortrag hält und die Schüler mitschreiben, was sie verstehen und für wichtig halten. Ab und zu diktiert der Lehrer auch "kurze" Texte. Das fand ich echt heftig, und anfangs habe ich wirklich Schwierigkeiten gehabt, meine Klappe zu halten, wenn ich anderer Meinung war.

Durch die langen Schultage mit der Klasse habe ich schnell Freunde gefunden. Ich wurde wirklich sehr nett aufgenommen. Auch wenn ich meine Freunde sehr lieb gewonnen habe, ist mir trotzdem aufgefallen, dass die Jugendlichen hier irgendwie anders sind. Zum Beispiel hat sich eine Freundin von mir Diddlmäuse zum Geburtstag gewünscht. Diese Phase hatte ich vor 6 Jahren. Oder an Silvester mussten alle gegen halb 3 Uhr abgeholt werden, weil der Gastgeber dann ins Bett musste. Das fand ich schon alles sehr seltsam.

Leider gab es in der Familie einige wichtige Schwierigkeiten, die wir auch nach langen Gesprächen nicht geregelt bekamen. Ich habe mich nach langem Überlegen dazu entschlossen die Familie zu wechseln, da ich mich nicht imstande gefühlt habe, meinen ganzen Austausch in dieser Familie zu verbringen.

Meine zweite Gastfamilie wohnt in Vinassan. Ich habe eine gleichaltrige Gastschwester, eine kleine 13jährige Gastschwester und einen 18 jährigen Gastbruder gehabt. Ich habe mich sehr gut mit der Familie verstanden, und sie haben mir eine Menge schöne Städte und andere Sehenswürdigkeiten der Region gezeigt. Meine Gastschwester wurde mit der Zeit wie eine richtige Schwester für mich, wir haben über fast alles geredet, und viele coole Dinge zusammen gemacht. Auch mit meiner Gastmutter hatte ich ein sehr enges Verhältnis gehabt. Trotz allem hatte ich schon ein bisschen Heimweh nach meinem Leben in Hamburg. Am meisten hat mich genervt, dass man hier so unselbständig ist. Man ist immer auf jemanden, der Autofahren kann, angewiesen. In Hamburg werde ich sicherlich einen ganzen Tag lang Bus und Bahn fahren. Früher war ich schon immer genervt, wenn ein Bus nur alle 20 Minuten fährt. Hier kam es öfters vor, dass ich über eine Stunde lang auf einen Bus warten musste, der wage in meine Richtung fuhr. Das war eine sehr große Umstellung für mich.

Etwas Schwierigkeiten hatte ich mit meiner Unordnung. Ich bin von Natur aus ein sehr unordentlicher Mensch. Und meine Gastfamilie war sehr sehr geordnet. Es musste immer alles fast penibel sauber und aufgeräumt sein. Das war für mich eine sehr neue Erfahrung.

Eine Sache, die ich vor Frankreich überhaupt nicht kannte war das Heimweh. Ich war mir sehr sicher, dass ich auch kein Heimweh bekommen würde, da ich ja in absehbarer Zeit wiederkommen würde. Aber auch da habe ich mich getäuscht. Das war wirklich eine schwierige Zeit, besonders über Weihnachten. Aber glücklicherweise war ich oft abgelenkt. (Ich habe Ski fahren gelernt, und mich mehrmals bis auf die Knochen blamiert...).

Eine andere sehr schwierige Situation war der Abschied. Ich habe meine Freunde und meine Familie hier so lieb gewonnen, dass ich es wirklich schwierig fand, ihnen tschüss zu sagen. Das war fast schwieriger als damals, wo ich von Hamburg aus hergefahren bin, da ich nicht wusste, wann ich die alle wiedersehen werde. Meine Klasse hat mir eine sehr schöne Abschiedsparty gemacht, und meine Lehrer haben mir eine sehr nette Karte geschrieben. Meine "histoire-géographie" Lehrerin hat mich sogar in den Arm (ja, hier also der Beweis: auch Lehrer haben Gefühle!!) genommen und eine Schulstunde für meinen Abschied "geopfert", was hier schon ein starkes Stück ist.

Ich war etwas verwundert, da ich eigentlich dachte, dass mein Französisch nach den 6 Monaten perfekt sein wird. Dem ist aber nicht so. Ich habe schon sehr große Fortschritte gemacht und recht viel gelernt, aber perfekt ist es doch noch nicht. Naja, das war wohl eine zu hohe Erwartung.

Ich habe, bevor ich weggefahren bin, mal irgendwo gelesen, dass Austauschschüler 3 Mal weinen: ein Mal beim Abschied von zu Hause, ein Mal wenn sie Heimweh haben und ein Mal beim Abschied vom "neuen Zuhause". Und genauso war es auch. Dieses halbe Jahr war eine wahnsinnig tolle Erfahrung und ich bin sehr glücklich diesen Schritt gemacht zu haben. Ich bin froh über jeden einzelnen Moment, den ich hier erlebt habe, denn sie haben mich selbständiger, selbstbewusster und sicherer werden lassen. Ich habe das Gefühl, die Dinge anders anzupacken und gehe irgendwie anders auf die Leute zu.

Oh, der kurze Bericht ist ja doch länger geworden als ich dachte. (so etwas wäre mir vor Frankreich nie vorgekommen, dass ich mehr schreibe als gefragt wurde!) Aber so ein halbes Jahr kann man einfach nicht in einem so kurzen Text in Worte fassen, man muss es einfach machen. Falls ihr noch Fragen habt, könnt ihr mir eine mail schreiben, ich stehe gerne zu Verfügung! lea.weiss@gmx.de

Lea

 

 


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