Maria      Maria

Mein erster Eindruck als ich in Südfrankreich ankam, war : Was ? Hier soll ich leben ? Alles sah nach Urlaub aus : die brennende Sonne, die teils vertrockneten Weinfelder, die Pyreneen im Hintergrund der weiten Felder. Jetzt sitze ich nach zwei Wochen am Computer und weiss nicht genau, wie ich mich eigentlich vorstellen soll, als Maria aus Hamburg oder als Toulouserin deutscher Herkunft ?

Eigentlich fing alles an als "Sprung ins kalte Wasser". Einen Monat vor Abflug habe ich mich zu den 6 Monaten Südfrankreich mit ROUDEL entschieden. Ich hatte noch nicht einmal eine richtige Motivation und ich hätte nie erwartet, dass die Zeit so abläuft wie sie letzendlich abgelaufen ist.
Der August in Carcassonne war für mich etwas wie ein Abenteuerurlaub. Den Sprachkurs in den ersten Tagen hier habe ich nicht richtig ernst genommen. Ich habe eher die Zeit genutzt um die Leute aus unserer Gruppe kennenzulernen und das mittelalterliche Carcassonne zu bestaunen. Dann waren wir für einige Tage am Mittelmeer in Port Leucate. Echt Urlaubsfeeling! Wir haben Windsurfing gemacht, zurück in Carcassonne haben wir eine Tropfsteinhöhle besichtigt und ich bin hier zum ersten Mal geritten. Alles war superaufregend!

Dann ging das Praktikum los. Ich war erst supergespannt: Ein Praktikum mit einer Theatergruppe! Letztendlich wurde ich richtig enttäuscht, genau wie Nuray mit der ich dieses Praktikum teilen sollte. Unsere Arbeit bestand darin, den ganzen Tag unter brennender Hitze Prospekte zu verteilen. Wir haben alles versucht um an andere Aufgaben zu kommen aber letzendlich haben wir nur bemerkt wie überflüssig wir dort waren. Gott sei Dank hat es auch unsere Betreuerin Sophie verstanden und nach anderthalb Wochen Abquälen, durften wir endlich unser Praktikum wechseln. Mein zweites war wunderschön ! Viel schöner als erwartet, denn meine Vorstellung von einer Arbeit im Restaurant "la tête de l'art" war Tellerspülen und Aufräumen. Gleich an meinem ersten Tag drückte mir mein Chef ein Tablett in die Hand und meinte nur : "Zwei Bier für den linken Tisch auf der Terrasse". Ok, aber wie zapft man Bier?

Nach kurzer Zeit konnte man mich abends von Tisch zu Tisch laufen, Bestellungen aufnehmen, Gäste bedienen und mich mit ihnen unterhalten sehen. Ich bin supergut mit meinem Chef und den anderen Mitarbeitern klargekommen und auch die Gäste waren toll. Die Meisten haben sehr gut auf meine kleinen Pannen reagiert. Zum Beispiel kam es mal vor, dass ich einem Monsieur die "carte du vin rouge" (ne Weinkarte die noch nicht einmal Auswahl lässt, da nur eine einzige Rotweinsorte) anstatt den bestellten "quart de vin rouge" (ein viertel Liter Rotwein) gebracht habe.

Jedenfalls habe ich meine Arbeit geliebt, auch wenn es manchmal echt hart war, nur mit einem einzigen "echten Kellner" zusammen, sechs Stunden lang fünf bis sieben Tische zu bedienen. Es war eine richtig interessante Arbeit, die mir nicht nur einen Einblick in die Kunst des Kellnerns ermöglicht hat, sondern mir auch gezeigt hat, wie einfach es ist nur mit geringen Sprachkenntnissen mit Menschen zu kommunizieren, wenn man nur offen und freundlich genug auftritt.

Mein erster Eindruck von meiner Gastfamilie war recht positiv. Nette, sympatische Menschen die aber viel auf Regeln setzen, die mir von Anfang auf freundliche Weise erläutert wurden. Aber dazu dann vielleicht später. Zuerst einmal stelle ich sie kurz vor : Meine Gastmama ist eine nette aber bestimmte Frau. Sie ist Französischlehrerin von Beruf und hat daher keinen südfranzösischen Akzent, was mir die Kommunikation mit ihr von Anfang an erleichtert hat.

Meinen Gastvater habe ich über die gesamte Zeit nur selten gesehen, da er aufgrund seiner Arbeit viel unterwegs war . Meine Schwester habe ich vom ersten Tag an ins Herz geschlossen. Sie ist 21 Jahre alt, total lieb und immer gut gelaunt. Mit ihnen habe ich in Saint-Orens gelebt, ein kleiner Vorort von Toulouse. Es hat mir sehr gefallen, da es nun mal ein angenehmes Städtchen ist und man von dort aus, nach 45 Minuten Busfahrt im Centrum von Toulouse ist. Das Essen bei meiner Gastfamilie war immer superlecker. Doch da ich von Natur aus einen zu hohen Cholesterinspiegel habe, hat meine Gastmama immer auf meine Ernährung geachtet. Was für mich neu war, waren diese geregelten Essenszeiten. Man geht nicht zwischendurch mal an den Kühlschrank und wenn man nicht pünktlich zum Essen da ist, wird es negativer angesehen als in Deutschland.

Das Zusammenleben mit meiner neuen Familie hat, vor allem in den letzten Monaten, einfach nur supergut geklappt! Ich wurde sehr gut integriert. Ich habe die Lebensart meiner Familie akzeptiert und gelernt mich anzupassen. Zum Beispiel war es völlig neu für mich Heiligabend in der Kirche zu verbringen, denn im Gegensatz zu meiner Familie bin ich nicht katholisch. Trtozdem sehe ich es als eine interessante Erfahrung und es hat mich nicht im Geringsten gestört so zu leben wie sie. Ich habe hier so viel gelernt. Sei es das Kochen, was ich vorher nie versucht habe, oder auch einfach Neues über mich selber.

Meine gesamten Weihnachtsferien habe ich mit meiner Familie verbracht und das sehr gerne. Wir waren mit der ganzen Familie (inklusive den zwei Söhnen meiner Familie die in Belgien leben, Onkel, Tante und Cousins) bei der Mutter von meiner Gastmama. Während der gesamten Feiertage hat mir nichts gefehlt und ich habe mich einfach zu Hause gefühlt. Alle haben mir das Gefühl gegeben ein Teil der Familie zu sein. Das Verhältnis zu meiner Schwester ist von Zeit zu Zeit immer enger geworden und letztendlich können wir über alles reden. Wir haben viel zusammen unternommen : Disco, Schwimmbad, Shopping etc. Es hat mir immer Spass gemacht, Zeit mit meiner Mutter zu verbringen. Wir haben uns sehr gut verstanden. Wir haben oft zusammen gekocht und uns dabei über die unterschiedlichsten Themen unterhalten. Was die Schule betrifft, konnte sie mir immer sehr viel helfen.

Mein Lycée "Pierre-Paul Riquet" hat mir von Anfang an gefallen. Meine Mitschüler haben mich regelrecht mit offenen Armen empfangen. Sie haben mir am Anfang sehr viel geholfen und schon nach kurzer Zeit habe ich mich frei in meiner Schule bewegt, ohne mich auch nur ein bisschen unwohl zu fühlen.

Was den Unterricht betrifft, habe ich immer mitgemacht wenn ich konnte. Meine Mutter hat mir zwar mit Französisch geholfen, aber ich habe mich deshalb nie richtig stressen lassen. Ehrlich gesagt gingen meine Freunde vor. Da sich meine Klasse untereinander auch nicht richtig kannte, war ich von Anfang an Teil einer Gruppe die sich relativ früh gebildet hat. Ich habe mich verdammt wohl gefühlt. Das energiegeladene Mädchen, das im Unterricht neben mir sass, ist schnell zu meiner besten Freundin geworden. Mit ihr und anderen Jugendlichen habe ich schöne Wochenenden verbracht. Wir waren oft auf Hauspartys, in Toulouse oder in Bars. Da viele meiner Freunde in meiner Nähe gelebt haben, konnten wir uns oft auch abends sehen. Für meine Gastfamilie war es absolut kein Problem, mich an Wochenenden bei Freunden übernachten zu lassen.

Den letzten Samstag sollte ich bei meiner besten Freundin schlafen, doch anstatt nur einen netten Abend vor dem Fernseher mit ihr zu verbringen, habe ich mich letztendlich mit 20 Freunden in dem Jugendhaus von St.-O. wiedergefunden. Sie haben einen Raum gemietet um eine Überraschungsparty nur für mich zu veranstalten. Das hat mir den Abschied aber nicht leichter gemacht, ganz im Gegenteil.

Jetzt sitze ich hier im MJC in Carcassonne, wie vor sechs Monaten und versuche mich an den Gedanken zu gewöhnen, morgen um die selbe Uhrzeit in Hamburg zu landen. Ich wollte hiermit einen Eindruck von meiner südfranzösischen Erfahrung geben, aber um es wirklich nachvollziehen zu können, was es bedeutet sechs Monate lang ein neues Leben zu führen muss man es einfach erleben. Ich weiss, dass ich so Viele und so Vieles vermissen werde, aber ich werde versuchen so viel ich nur kann nach Hamburg mitzunehmen. Mit diesem Auslandsaufenthalt habe ich die beste Entscheidung für mich getroffen und ich rate jedem diesen Schritt zu tun.


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