Lena      Lena

"Und, gibt's was neues?" Genau das hat mich ein Freund gefragt, als ich während der Weihnachtsferien ein paar Tage bei meiner Familie in Köln verbracht hatte. Also ehrlichgesagt habe ich nicht wirklich gewusst, was ich auf diese Frage antworten könnte, ob es was neues gab? Naja, ich denke schon. NATÜRLICH gab es etwas Neues! Schliesslich hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon mehr als fünf Monate in Frankreich verbracht; hatte den Sommer, den halben Winter dort erlebt, Freunde gefunden, bei einer Gastfamilie gelebt.

Naja, aber wahrscheinlich fange ich mal von vorne an, denn ob der Auslandsaufenthalt mein Leben in gewisser Weise verändert hat, interessiert euch bestimmt auch. Also:

Alles hat damit angefangen, dass ich auf meiner Suche nach einer passenden Organisation im Internet auf Roudel gestoben bin. Gleich gut gefallen hat mir die Tatsache, dass die Teilnehmerzahl an einem solchen Austausch relativ gering ist, was sich später als echtes Vorteil herausgestellt hat. Ich habe dann sofort Kontakt mit einer der Teilnehmer des Vorjahres aufgenommen und um einige persönlichen Informationen gebeten. Zurück kam dann eine seitenlange Email, in der Lisa (so hieb sie) über den Aufenthalt gesprochen hat, als wäre das ein wirklich wichtiger Teil in ihrem Leben geworden, mit all den Schwierigkeiten und tollen Erlebnissen. Das hat mich schon erstaunt, schlieblich habe ich mir die 6 Monate eher so vorgestellt, dass ich mein halbes Jahr dort in Frankreich verbringe, die Sprache ein bisschen aufbessere, zurückkomme und alles so ist wie vorher. Das ich mit irgendwelchen Problemen konfrontiert werde sollte, war mir zwar irgendwie klar, aber richtig realisiert hatte ich das nie. Schlieblich hatte ich mir vorgenommen, die perfekte Austauschschülerin zu werden, wo sollte ich denn da auf Probleme stossen?! Das sollte ich aber später erfahren.

Naja, irgendwann ist dann alles richtig ernst geworden; ich hatte mich beworben, einen Platz erhalten und die Zeit des Abflugs rückte immmer näher. Angst hatte ich eigentlich nur davor, mich nicht in die Gruppe von Austauschschülern integrieren zu können, da sie schliesslich fast alle aus Hamburg kamen und Susanne und ich als einzige Kölner dazukommen sollten, oder dass ich mit meiner Gastfamilie Pech haben würde. Einen Rückzieher kam für mich aber nie in Frage, denn es war schon immer ein grober Wunsch von mir ins Ausland zu gehen und am liebsten natürlich nach Frankreich, da wo es schön warm ist und das Meer nicht weit. Also warm war es in dem ersten Monat, den wir 11 Teilnehmer (10 Mädchen und ein Junge) alle zusammen im MJC in Carcassonnne verbracht haben, wirklich. Temperaturen um die 40 Grad haben es uns nicht sehr einfach gemacht, aber beschweren darf ich mich ja nicht, wollte ich doch so (Achtung: auf keinen Fall warme Kleidung für den Winter vergessen (auch Handschuhe, Schal, etc.) Es wird richtig kalt! Die Temperaturen sind zwar nicht ganz so niedrig wie in Deutschland, aber der Wind hier ist absolut DERBE, wie die Hamburger gerne sagen.)

Tja, die erste Woche in Carca war richtig vollgeplant mit Ausflügen, so dass man erst gar nicht an Heimweh denken konnte. Wir sind reiten+surfen gegangen, haben Strandurlaub und eine Höhlentur gemacht (einen Abend waren sogar alle Gasteltern zum kennenlernen eingeladen, wobei ich auf den ersten Blick von meiner richtig begeistert war). Das war alles richtig toll, da sind die 3 Stunden Französischunterricht am Morgen gar nicht so schwer gefallen. Manchmal lief dieser Unterricht eher spielerisch ab, manchmal wurde einfach nur Grammatik wiederholt, insegsamt habe ich nicht sooo viel neues gelernt, es hat mir aber einfach dabei geholfen, mich langsam daran zu gewöhnen, nur noch Französisch zu sprechen. In diesen Wochen hat sich die Gruppe jedenfalls richtig kennengelernt und ich habe ohne Probleme gleich Freunde gefunden, mit denen mich mittlerweile so viel verbindet, dass ich noch richtig lange Kontakt mit ihnen halten werde. Wir Kölner wurden wegen unserer Herkunft zwar ein wenig gedisst, aber das war natürlich eher lustig gemeint und schliesslich wissen wir Rheinländer uns zu verteidigen.

DIESE Hamburger können UNS doch nicht einschüchtern. Nicht wahr, Susanne? Hier also nochmal ein dreifaches: Kölle: Alllaaaaaaffffff! Ernsthaften Streit gab es eigentlich nie. Mit dem Mädchen, mit dem ich am wenigsten zu tun hatte, Maike nämlich, habe ich dann zusammen in Narbonne gewohnt und bin mit ihr in eine Klasse gegangen. Keiner hätte geglaubt, dass das mit uns gut läuft, weil wir so unterschiedlich waren. Aber im Gegenteil. Wir haben so viel zusammen erlebt und gelacht, dass eine richtige Freundschaft daraus entstanden ist. Meine Anschlussängste waren also schon mal unbegründet. Das erste Problem kam eigentlich mit dem 3wöchigen Praktikum in Carcassonnne auf mich zu. Ich hatte nämlich das unglaubliche Glück, in einem Biosupermarkt und einem Shop zu arbeiten, in dem Waren aus der dritten Welt verkauft wurden. Das Unglückliche daran war, dass die beide überhaupt keine Arbeit für mich hatten. Im Biosupermarkt habe ich mich gleich am ersten Tag auf Grund eines Missverständnisses mit der Besitzerin angelegt, die mich dann komplett ignoreirt hat, so dass ich drei mal die Woche von 9 bis 12 und von 14 bis 19 Uhr in dem Angestelltenkeller auf meinem Stuhl sass und NICHTS gemacht habe. Der Dritteweltshop war winzigklein und wegen der unglaublichen Hitze hatten sie ungefähr 1 Kunden am Tag. Der Besitzer war aber richtig lieb und hat mich irgendwann einfach früher nach Hause geschickt. Ihr braucht aber jetzt keine Angst vor diesem Praktikum haben, bei den meisten sind diese drei Wochen unglaublich positv verlaufen. Im Nachhinein hätte ich zum Beispiel gerne in einem Restaurant, oder einem Hotel gearbeitet, dort wurde man viel gebraucht und hatte gleichzeitig viel Kontakt mit den Gästen.

Die Zeit in Carcassonne ging dann aber doch sehr schnell vorbei und wir sind endgültig in die Gastfamilien gefahren. Unsere Verhältnisse zu den Gastfamilien können eigentlich nur als Beispiele dienen und ist sehr kompliziert zu beschreiben. Denn irgendwie waren alle Familien unterschiedlich und man kann sich da auf nichts vorbereiten. Aber eigentlich hat das bei fast allen perfekt funktioniert. Was ich bei meiner Familie schwierig fand, war, dass ich sie zwar irgendwann richtig lieb gewonnen habe, aber sie mir nicht gezeigt haben (konnten?), was sie von mir gehalten haben, ob sie mich mögen, oder auch nicht. Richtig in die Familie integriert habe ich mich dann nicht gefühlt. Daran musste ich mich wirklich erst gewöhnen. Ausserdem scheint es in Frankreich so zu sein, dass man sich nicht offen auf Probleme anspricht. Wenn ich gemerkt habe, dass meine Gasteltern etwas an mir stört, war es immer ich, die sie darauf angesprochen hat und dann kamen auch meistens Gespräche zustande. Aber wie gesagt, das sind Erfahrungen, die ihr am besten selber macht und auf die man sich nicht vorbereiten kann. Es ist jedenfalls immer von Vorteil, wenn man offen bleibt, viel über sich erzählt und so seinen Platz in der Familie findet. Man sollte auch nicht gleich eingeschnappt sein, wenn einen der Gastbruder, die Gastschwester, oder auch die Eltern mal böse angucken. Jeder hat mal einen schlechten Tag und sowas gehört halt zu dem alltäglichen Leben dazu. Im Gegenteil ist das eigentlich ein gutes Zeichen, dass man irgendwie doch zu der Familie gehört und nicht mehr nur unterkühlt freundlich als Gast behandelt wird. Punkte machen kann man auch, wenn man einfach mal im Haushalt hilft, ohne darum gebeten zu werden. Diese Hilfe können die Familien nämlich oft wirklich gebrauchen, da in Frankreich meistens beide Elternteile berufstätig sind. Zimmer, Haus usw. waren sowieso bei allen in Ordnung, aber das hatte Roudel ja auch kontrolliert. Obwohl ich damit Glück hatte, nach Narbonne zu kommen, was man schon als richtige Stadt bezeichnen kann, was nicht bei allen Teilnehmern der Fall war.

Und dann war da ja auch noch die Schule. In vielen Fächern, wie Englisch, Französisch, Geschichte und natürlich Deutsch bin ich sehr gut mitgekommen, in Wirtschaft, oder Biologie aber z.B. gar nicht. In diesen Fächern gab es einfach so viele Vokabeln, die man nicht im Dictionnaire finden konnte, dass ich teilweise überhaupt GAR NICHTS verstanden habe. Die Unterrichtsmethode der Lehrer ist natürlich ganz anders. Sie haben die ganze Zeit diktiert, oder an die Tafel skizziert und als Schüler war man halt durchgängig damit beschäftigt abzuschreiben. Das hat aber gleichzeitig das schriftliche Französisch verbessert und auch das Sprechen war schnell kein Problem mehr. Vor allem durch den Kontakt mit anderen Jugendlichen, war mein Vokabular bald sehr komplett, ich habe alles verstanden und wenn ich jetzt Französisch spreche kommt vieles einfach automatisch, was mir früher Schwierigkeiten gemacht hat, wie die verschiedenen Zeiten. Die "jeunes" in Narbonne waren sowieso das Beste. Sobald ich auf der Schule war, habe ich einen Franzosen nach dem anderen kennengelernt und gemerkt, dass die einfach viel offener sind als deutsche Jugendliche. Die Mädchen gehen dabei mit viel weniger Vorurteilen auf neue Schüler zu, die Jungen sind grundsätzlich sehr viel direkter, was manchmal ganz schmeichelhaft, oft aber auch übertrieben war. Als ich aber wie schon gesagt, meine Familie in Köln besucht habe, war ich einen Nachmittag in der Innenstadt und kam völlig deprimiert wieder zurück, weil, was ich vorher gar nicht gemerkt habe, sich die Menschen in Deutschland richtig Mühe gegeben haben, einem für sie Fremden nicht in die Augen zu schauen und zu signalisieren, dass man sich um keinen anderen, als um sich selbst kümmert. Früher habe ich mich wahrscheinlich auch so verhalten, mir aber jetzt vorgenommen, mich den Leuten gegenüber genauso offen und freundlich zu verhalten,wie ich es in Frankreich erfahren und gelernt habe.

Ein weiterer wichtiger Tagespunkt war auch immer das Essen in der Kantine. Dort sass man meistens mit der ganzen Klasse an langen Tischen und hat über alles mögliche gelacht, so dass man gar nicht mehr gemerkt hat, was man da eigentlich ass, was manchmal vielleicht auch ganz gut war. Es gab immer reichlich, und klar kann man in einer Kantine keine Gourmetgerichte erwarten, aber naja, dass werdet ihr schon sehen/schmecken.

So, jetzt sitze ich hier und habe auch einen seitenlangen Text geschrieben. Ich kann es einfach nicht fassen, dass diese 6 Monate, die so unglaublich schnell vergangen und sooo wichtig für mich geworden sind, jetzt schon vorbei sein sollen. GLAUBT MIR, ich bin neiiiiiidisch auf euch, für die dieser Auslandsaufenthalt in ein paar Monaten im MJC vielleicht schon beginnt.


P.S.: Solltet ihr noch Fragen haben, freue ich mich sehr über jede Email an: Lena__Krause@web.de


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