Industrie, Umwelt und interkulturelle Begegnung

Zielsetzung

1) Warum diese Themenwahl ?

Jeder, der heute von Umwelt spricht, denkt zunächst an Natur, natürliche Umgebung, wilde Fauna und Flora! Aber in der heutigen Zeit gehen die grössten Umweltprobleme vom Menschen und seinen Aktivitäten in seinem direkten Umfeld aus. Im Weiteren stellt gerade die Industrieproduktion den Bürger vor die meisten Probleme und grössten Schwierigkeiten, in bezug auf die Möglichkeit, sich zu informieren und bei Bedarf auch zu handeln.

Zunächst einmal weil der Grad der technologischen Entwicklung, den der Industriesektor erreicht hat, bei weitem die allgemeinen Kenntnisse und Kompetenzen des durchscnittlichen Bürgers übersteigt.

Soll das nun heissen, dass Fragen zur Industrie nur von Spezialisten gestellt werden dürfen ?!

Als nächstes weil die Schaffung von Reichtum und Arbeitsplätzen und die Rolle bei der Regionalentwicklung, die die Industrie spielt, ihr eine bedeutende gesellschaftliche Macht und grosse Unabhängigkeit gibt. Schliesslich weil die Industrieproduktion und ihre Entwicklung mit drei weiteren grundlegenden Faktoren verbunden sind: dem allgemeinen Wachstum der Bevölkerung und der durchschnittlichen Verlängerung der Lebenserwartung, der galoppierenden Verstädterung und der exponentiellen Erhöhung des Energieverbrauchs.

Das Problem ist also in sich schon äusserst vielschichtig und wird noch komplexer im interkulturellen Zusammenhang.

Aber gerade weil das Problem sich nun weltweit stellt und Lösungen, Konsens und Regelungen auf internationaler Ebene gesucht werden, ist es absolut notwendig, dieses Problem aus dem interkulturellen und pädagogischen Blickwinkel heraus anzugehen. Die "Ökostaats-bürgerschaft" wird nicht die einzige Form der mündigen und verantwortungsbewussten Staatsbürgerschaft in den immer globalisierteren Zusammenhängen von morgen sein, aber sie sollte darin einen bedeutenden Platz einnehmen.

2) Ein zu schwieriges, zu trockenes Thema für Jugendliche?

Die Jugendlichen zeigen in bezug auf Umweltfragen eine immer grössere Sensibilität. Die Überschrift zur Thematik kann zunächst abschreckend wirken, aber es ist durchaus möglich, eine Begegnung zu diesen Themen sowohl methodisch konsequent, als auch inhaltlich aktiv und spielerisch zu gestalten ( d.h. auch dem entsprechend vorzustellen ). Der Einsatz von Computern, Multimedia und Internet geht in diese Richtung.

3) Die pädagogischen Ziele :

Das erste Ziel ist sicherlich die Erziehung zum mündigen und vernatwortungsbewussten Staatsbürger und der Erwerb grundsätzlicher Verhaltensweisen, wie z.B. das Bewusstsein zu entwickeln, dass man das Recht aber auch die Pflicht hat, die Welt zu verstehen, um selbst handlungsfähiges Subjekt werden zu können. Das heisst also:

    - sich der Komplexität der Dinge bewusst werden

    - lernen, sich aus unterschiedlichen Quellen zu informieren

    - Informationen zu sortieren, zu vergleichen, zu analysieren

    - eine Stellungnahme mit Argumenten zu untermauern

    - zu handeln, Forderungen aufzustellen

Das zweite Ziel ist das der Umwelterziehung, die darauf abzielt, die Umweltprobleme in ihrer ganzen Vielschichtigkeit verständlich zu machen. Sie soll zu einem respektvollen Verhalten gegenüber der Umwelt führen, das verinnerlicht und verstanden wurde.

4) Die Lernziele

Es kann sicherlich heute keine Form der Staatsbürgerschaft geben und noch weniger eine "Öko-Staatsbürgerschaft " ohne dass ein Mindestwissen in den Bereichen Wissenschaft und Technik und besonders Ökologie vorhanden ist. Eine ganze Reihe ökologischer Begriffe sollten daher vermittelt werden. Die wichtigsten sind folgende:

- der Systembegriff
- die Begriffe der Biosphäre und Artenvielfalt
- die Begriffe der Anthroposphäre und Anthroposierung
- der Begriff des Ökosystems
- der Begriff der Bioenergetik ( autotroph und heterotroph )
- der Begriff der trophischen Vernetzung ( Nahrungsketten)
- die Begriffe der Verschmutzung und Schädigung
- der Begriff des Abfalls: primärer, Zwischen- und Endabfall
- der Begriff des Abfalls: Wiederverwendung, Wiederbenutzung, Rezykling
- der Begriff der dauerhaften Entwicklung
- die Begriffe der Umweltnormen und Rechte

5) Die interkulturellen Ziele:

Wie wir bereits dargelegt haben, sind die Umweltprobleme weltweite Probleme, die global und auf internationaler Ebene erfasst werden müssen. Selbstverständlich spielt dabei das Nord- Südgefälle eine Rolle; auch machen die speziellen Probleme der Länder der ehemaligen Sowjetunion und der desolate Zustand ihrer Industrieanlagen das Problem noch komplexer !
Für uns ist es hier wichtig aufzuzeigen, welches Gewicht die geschichtlichen und kulturellen Faktoren in unseren jeweiligen Gesellschaftssystemen haben, und wie sie sich auf die Gesellschaft, die Umwelt und die Natur auswirken.
Die sozio-ökonomischen Zusammenhänge und eine ganze Reihe Vorurteile spielen dabei eine Rolle:
- das Bild des technologischen Fortschritts als Quelle der sozialen Entwicklung und des Fortschritts für den Menschen,
- das Bild des Menschen als Zauberlehrling, der systematisch das natürliche Uhrwerk verstellt und so unausweichlich seinem Untergang entgegengeht,
- die kulturellen Werte der Konsumgesellschaft,
- die Schwächen des demokratischen Systems mit seinen Wahlmechanismen,
- die intellektuellen Kurzschlüsse: die Mystifizierung der Natur,
- die ideologischen Ausrutscher gewissen ökologischen Gedankenguts,
- die Umweltverschmutzung, die als ein notwendiges Übel angesehen wird,
- die Vernachlässigung der Umwelt unter dem Vorwand wirtschaftlicher und sozialer Notstände,
- u.s.w.
Das erste interkulturelle Ziel will also diese unbewussten Elemente bewusstmachen, da sie sowohl unser Interesse als auch unser Verhalten gegenüber der Umwelt sehr stark beeinflussen.
Das Zweite will diese Vorurteile überwinden, damit ein strukturiertes Verständnis der Umwelt herausgebildet werden kann. In diesem Zusammenhang werden die Konzepte und Erkenntnisse der ökologischen Wissenschaft miteinbezogen.
Das dritte Ziel will die strukturellen Bestandteile des Problems herausarbeiten, die sich dem Kulturellen entziehen und somit Freiräume schaffen, in denen sich die kulturellen Unterschiede ausdrücken können: zum Beispiel indem zwischen mehreren alternativen Energien gewählt werden kann oder bei der Landschaftsgestaltung, u.s.w.
Das Vierte und Letzte soll den Jugendlichen das Rüstzeug für eine " interkulturelle Öko-Staatsbürgerschaft " geben, das heisst die Begriffe der dauerhaften Entwicklung und das Prinzip der Vorsicht vermitteln.